Bindungstheorie – Definition, Ansätze & Kritik

1 Einleitung

Diese Seite richtet sich an alle Menschen, die im psychologischen oder pädagogischen Bereich arbeiten aber auch an alle, die sich einen grundlegenden Überblick über die Bindungsthematik verschaffen wollen. Die nachfolgenden Ausführungen wurden sehr sorgfältig und auf wissenschaftlicher Grundlage zusammengefasst.

1.1 Die Bindungstheorie nach John Bowlby

Die Bindungstheorie nach John Bowlby ebenso wie die Bindungsmuster nach Mary Ainsworth und die unterschiedlichen Merkmale einer Bindungsstörung nach Brisch sind noch immer hoch aktuelle Themen. Auf der Folgenden Seite soll ein Überblick über die Thematiken gegeben werden.

John Bowlby: Der Vater der Bindungstheorie (engl.)

Zunächst soll ein kurzer Überblick über John Bowlby selbst gegeben werden sowie über seine Forschungen zur Bindungstheorie.

John Bowlby (1907-1990) war ein englischer Kinderpsychiater. Sein Medizinstudium absolvierte er mit einer zweijährigen Unterbrechung, in der er Kinder und Jugendliche unterrichtete, die Auffälligkeiten in der Interaktion mit anderen Kindern aufwiesen. Diese Tätigkeit war nicht unbedeutend für seine Entscheidung, sich mit der Psyche von Kindern und Jugendlichen zu befassen (Bretherton, 2011; Brisch, 2011). Er war schon früh der Meinung „(…) daß reale frühkindliche Erlebnisse in der Beziehung zu den Eltern die Entwicklung eines Kindes grundlegend bestimmen können (…).“ (Brisch, 2011, S. 31). Zu dieser Meinung beigetragen hat sicherlich auch seine eigene Biographie. Er sah seine Mutter nur sehr selten und konnte zu ihr keine tiefergehende Bindung aufbauen. Als Bindungsperson sah er sein damaliges Kindermädchen an, welches jedoch verstarb, als er 3 Jahre alt war (Brisch, 2011). Somit erfuhr John Bowlby schon früh einen Bindungsverlust. Andere Quellen, wie beispielsweise Rüdiger Kißgen, beschreiben, dass Bowlby mit sieben Jahren aufgrund des vorherrschenden Krieges in ein Internat gegeben worden sei und dass diese Trennung zu seinem späteren Interesse an der Bindungsfrage maßgeblich beigetragen habe (Kißgen, 2009).

Seit den 30er-Jahren fanden zahlreiche Forschungen zu der Frage, „inwieweit frühe Heim- oder Klinikaufenthalte und häufig wechselnde Mutterfiguren die kindliche Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen.“ (Bowlby, 2010 a, S. 16) statt.

Anfang der 50er-Jahre begann John Bowlby mit der Forschung zur Bindung in Erweiterung an die Forschungsergebnisse von Konrad Lorenz. Konrad Lorenz (1903-1989) war ein Wiener Zoologe, der u. a. die Bindung bei Gänse- und Entenfamilien erforschte (Festetics, 1983). Bowlbys Vorhaben war es, diese Ergebnisse auf die Menschen zu übertragen, indem er ihr Verhalten beobachtete und mit dem der Tiere verglich (Bowlby, 2010 a). Er wollte eine eigene „(…) Theorie entwerfen – die Bindungstheorie mit dem Bindungsverhalten und dessen spezieller, vom ´klassischen´ Nahrungs- und Sexualtrieb zu unterscheidenden Eigendynamik.“ (Bowlby, 2010 a, S. 21). Seine theoretischen Erkenntnisse, die er durch zahlreiche Untersuchungen untermauerte, schrieb er in seinen drei Werken: Bindung, Trennung und Verlust (Gloger-Tippelt, König, 2009, S. 5) nieder (ebda.).

Bowlbys Bindungstheorie gilt als Grundlage für zahlreiche weitere Forschungen. Sie beschreibt die Entstehung und mögliche Veränderungen des Bindungsverhaltens von Menschen (Brisch, 2011). Brisch schreibt, dass sie „(…) wesentlich zum Verständnis der menschlichen Entwicklung über das gesamte Leben hin beigetragen.“ (Brisch, 2011, S. 35) hat. Bowlbys Theorie galt zur damaligen Zeit als ein alternativer Entwurf im Gegensatz zur damals vorherrschenden „(…) Theorie der Trieblehre, nach der in erster Linie die orale Befriedigung durch das Stillen an der Mutterbrust für die Entwicklung der Bindung zwischen Mutter und Kind verantwortlich ist.“ (Brisch, 2011 S. 32).

Bowlby beschreibt in seiner Bindungstheorie fast ausschließlich die Bindungsbeziehung zwischen Mutter und Kind, da diese für ihn zu Beginn von höchster Bedeutung ist. Er schreibt: „Es ist die Mutter, die das Kind füttert und pflegt, die es wärmt und tröstet.“ (Bowlby, 2010 b, S. 13). Diese einseitige Betrachtung der Bindungsbeziehung wird häufig in Fachkreisen kontrovers diskutiert, worauf im späteren Verlauf detaillierter eingegangen werden soll.

Literaturempfehlungen

1.2 Darstellung des Bindungsbegriffes

Brisch beschreibt nach Bowlby Bindung als ein System, welches sich selbst reguliert und in dem die Bezugsperson und das Kind als Teilnehmer des Systems in einem Wechselspiel miteinander agieren (Brisch, 2011). Diesen gegenseitigen Einfluss beschreiben auch Lengning und Lüpschen (2012). Das Bindungssystem ist laut Brisch, der sich auf Bowlbys Theorie bezieht „(…) ein primäres, genetisch verankertes motivationales System (…), das in gewisser biologischer Präformiertheit nach der Geburt aktiviert wird und überlebenssichernde Funktionen hat.“ (Brisch, 2011, S. 36).

In der Regel entwickelt sich nach der Geburt schnell eine Bindung zwischen Mutter und Kind, die dadurch zustande kommt, dass die Mutter sich zunächst vollkommen ihrem Neugeborenem zuwendet, Zeit mit ihm verbringt und auf das Baby eingeht (Bowlby, 2010 a). Mutter und Kind kommunizieren besonders in der ersten Zeit durch Blicke und Gesten miteinander (ebda.). Bowlby beschreibt diese Interaktionen wie folgt: „Während der Säugling die Kommunikationen weitgehend autonom einleitet und beendet, stimmt sich die sensible Mutter auf ihr Kind ein (…).“ (Bowlby, 2010 a, S. 7). Auch dem Hormon Oxytocin wird eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung von Bindung beigemessen. Es entsteht schon während der Gestation im Körper, leitet die Wehen ein und sorgt nach der Geburt für „(…) das Gefühl, einander nahe sein zu wollen, sowie Vertrautheit und Entspannung, und zwar sowohl bei der Mutter wie beim Kind.“ (Brisch, 2011, S. 36).

Auch andere Autoren wie Gloger-Tippelt und König beschreiben Bindung in Anlehnung an Bowlby als:

„(…) das spezifische emotionale Band, das sich zwischen zwei Personen, insbesondere zwischen Kleinkindern und ihren hauptsächlichen Fürsorgepersonen, in der Regel den Eltern, entwickelt.“ (Gloger-Tippelt, König, 2009, S. 4).

Da es dem Kind möglich ist, sich an mehrere Personen zu binden, ist es grundsätzlich erreichbar, dass ein Kind nach einer Fremdunterbringung eine erneute Bindung aufbauen kann (ebda.).

Wichtig für den Aufbau von Bindung ist demnach das feinfühlige Pflegeverhalten der Bezugsperson. Dieses bestätigte auch die NICHD – Studie mehrmals (Friedmann, Boyle, 2009). An dieser Stelle sei das Konzept der Feinfühligkeit von Mary Ainsworth erwähnt. Mary Ainsworth (1913-1999) war eine kanadische Entwicklungspsychologin, die John Bowlby bei seinen Nachforschungen über den Zustand der Kinder, die durch den zweiten Weltkrieg elternlos geworden waren, unterstützte (Bretherton 2011, Scheidt 2012). Inspiriert durch Bowlbys Theorien ging sie nach Abschluss der Forschungen nach Uganda und studierte dort die alltäglichen Interaktionen zwischen Mutter und Kind (Brisch, 2011). Schon im Zuge ihrer Dissertation befasste sich Ainsworth mit „(…) der ´Sicherheitstheorie´ von Blatz (1940) (…), wonach jedes menschliche Wesen für seine emotionale Entwicklung ein Urvertrauen zu einer wichtigen Bezugsperson entwickeln müßte.“ (Brisch, 2011, S. 33).

NICHD ist die Abkürzung für „National Institute of Child Health and Human Development“ (Friedman, Boyle, 2009, S. 96). Es werden an diesem Institut, wie der Name sagt, verschiedene Studien zur Gesundheit von Kindern und menschlicher Entwicklung durchgeführt.

Ainsworth entdeckte eine Korrelation zwischen der Feinfühligkeit der Mutter und einer sicheren Bindung aufseiten des Kindes (Brisch, 2011). Feinfühliges Pflegeverhalten ist nach Ainsworth gegeben, wenn die Mutter empfänglich ist für die Bedürfnisse ihres Kindes und diese auch zügig und adäquat beantwortet (ebda.).

Brisch beschreibt, dass die Voraussetzung für feinfühliges Pflegeverhalten die „(…) Aktivität von Spiegelneuronen im Gehirn (…).“ (Brisch, 2011, S. 44) ist. Sie befinden sich in den Teilen des Gehirns, „(…) in denen Erleben und Verhalten gesteuert wird.“ (Bauer, 2008, 117). Die Spiegelneurone werden angesprochen, wenn Menschen Handlungen oder Emotionen bei anderen Menschen beobachten. Menschen können dadurch beispielsweise Gefühle anderer selbst fühlen, da bei deren Beobachtung die Nervenzellen aktiviert werden, die ebenfalls bei selbsterlebten Gefühlen reagieren. Durch diese Funktion können wir fühlen und denken, was unser Gegenüber erlebt und darauf adäquat reagieren (Brisch, 2011).
Da jedes Kind individuell ist, muss sich eine Mutter auf jedes ihrer Kinder neu einstellen und durch empathisches Einfühlen herausfinden, was die Bedürfnisse des jeweiligen Kindes sind und wie sie diese befriedigen kann (Brisch, 2011).

In der mittleren Kindheit geht das feinfühlige Verhalten der Bindungspersonen nicht mehr mit der prompten Befriedigung der Bedürfnisse des Kindes einher, sondern zeigt sich durch eine stabile Präsenz dem Kind gegenüber besonders in Situationen, in denen es auf die Hilfe der Bezugsperson angewiesen ist (Gloger-Tippelt, König, 2009).

John Bowlby unterscheidet zwischen Bindung und Bindungsverhalten. Er schreibt:

„Eine (passive oder aktive) ‚Bindung‘ (im Original kursiv) setzt ein durch spezifische Faktoren gesteuertes starkes Kontaktbedürfnis gegenüber bestimmten Personen voraus und stellt ein dauerhaftes, weitgehend stabiles und situationsunabhängiges Merkmal des Bindungssuchenden dar. Zum ‚Bindungsverhalten‘ (im Original kursiv) gehören hingegen sämtliche auf ‚Nähe‘ ausgerichtete Verhaltensweisen des Betreffenden.“ (Bowlby, 2010 a, S. 22).

Bowlby beschreibt Bindungsverhalten als die Absicht von Menschen, in bestimmten Situationen, wie beispielsweise in angsteinflößenden Situationen, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und ihnen nahe sein zu wollen (Bowlby, 2010 a). Er schreibt:

„Unter ‚Bindungsverhalten‘ verstehe ich jegliches Verhalten, das darauf ausgerichtet ist, die Nähe eines vermeintlich kompetenteren Menschen zu suchen oder zu bewahren, ein Verhalten, das bei Angst, Müdigkeit, Erkrankung und entsprechendem Zuwendungs- oder Versorgungsbedürfnis am deutlichsten wird.“ (Bowlby, 2010 a, S. 21).

Das Bindungsverhalten wird in angsteinflößenden Situationen aktiviert und es wird eine Bezugsperson mit feinfühligem Verhalten benötigt, um es zu deaktivieren (Bowlby, 2010 a).

Das Bindungsverhalten ist dynamisch. Zu Beginn sucht das Kind in angsteinflößenden Situationen die körperliche Nähe der Bezugsperson und lässt sich dadurch beruhigen. Dieses nimmt mit zunehmenden Alter des Kindes ab (Gloger-Tippelt, König, 2009). Die Bindung zu einer Bezugsperson wird innerhalb der ersten Lebensjahre aufgebaut und beschränkt sich zunächst noch auf die Eltern oder andere primäre Bezugspersonen wie Verwandte oder Adoptiv- oder Pflegeeltern (Gloger-Tippelt, König, 2009). Während das Kind immer älter wird, wächst häufig auch die Anzahl der Bindungspersonen: „In der späten Kindheit und im Jugendalter kommen neben den primären Bindungspersonen auch die frühen Paarbeziehungen als Bindungsbeziehungen in Frage.“ (Gloger-Tippelt, König, 2009, S. 26).

1.3 Kritik an der Bindungstheorie John Bowlbys

Auch wenn die Bindungstheorie nach John Bowlby Grundlage zahlreicher Forschungen und Theorien ist, soll eine kurze kritische Auseinandersetzung folgen.

Häufig wird an der Bindungstheorie nach Bowlby kritisiert, dass er sich fast ausschließlich auf die Bindung zwischen Mutter und Säugling konzentriert und den Vater unzureichend erwähnt. Neuere Bindungsforschungen wie z. B. von Grossmann und Grossmann haben ergeben, dass der Vater für die Bindung und Entwicklung des Kindes eine ebenso bedeutende Rolle spielt wie die Mutter (Grossmann, Grossmann, 2011). Auch Zimmermann (2006) bestätigt dies.

Ein weiterer Kritikpunkt an der Bindungstheorie ist die Korrelation zwischen einer unsicheren Bindungsqualität und der hohen Wahrscheinlichkeit einer negativen Auswirkung auf die Entfaltung und psychische Verfassung des Kindes sowie die frühe Festlegung der Bindungsqualität, beeinflusst durch das feinfühlige Pflegeverhalten der Eltern (Lind, 2001). Die Kritik bezieht sich dabei auf die einseitige Betrachtung. Dass das feinfühlige Pflegeverhalten der Mutter zu einer sicheren Bindung beitragen kann und eine sichere Bindung einen Schutzfaktor für die Entwicklung des Kindes darstellt, steht außer Frage. Es sind jedoch auch andere Faktoren, die neben der Feinfühligkeit auf die Bindungsentwicklung einwirken, zudem ist eine sichere Bindung keine Garantie für eine positive Entwicklung des Kindes. Die Aussagen der Bindungstheorie müssen demnach lediglich relativiert werden (ebda.).

Auch vonseiten der Psychoanalytiker wurde Kritik an Bowlbys Bindungstheorie geäußert. Ein wesentlicher Inhalt der Kritik ist, „(…) dass die Triebtheorie missachtet und die Vielfalt menschlicher Emotionen vernachlässigt würden.“ (Seiffge-Krenke, 2009, S. 54). Inzwischen bedient sich jedoch schon seit längerer Zeit auch die Psychoanalyse der Theorien Bowlbys (Seiffge-Krenke, 2009).

Insgesamt kann gesagt werden, dass Bowlbys Bindungstheorie mit Sicherheit einige kritische Fragmente beinhaltet, die zum Teil an die heutige Zeit, in der Väter eine ebenso bedeutende Rolle spielen wie Mütter, angepasst werden müssen. In großen Teilen gilt sie jedoch noch immer als Grundlage zahlreicher Theorien.

1.4 Die Bindungsqualitäten nach Mary Ainsworth

Im Folgenden wird der Begriff der Bindungsqualität genauer beschrieben, da dieser ein wesentlicher Bestandteil der vorliegenden Diplomarbeit und des Forschungsvorhabens ist. Die Begriffe Bindungsqualität, Bindungsmuster und Bindungstyp sind synonym und werden auch als solche verwendet.

Der Begriff Bindungsqualität beschreibt im Wesentlichen die verschiedenen Typen der Bindung eines Kindes, wobei die Handlungsweisen sowohl des Kindes als auch seiner Bezugsperson Auswirkungen auf die Bindungsqualität haben (Bowlby, 2010 a).

Die Bindungsqualität, deren Entwicklung durch die Interaktion zwischen Säugling und Bezugsperson nach der Geburt beginnt, ist nach Brisch, der sich auf John Bowlby bezieht, „(…) kein Fixum, sondern ein Kontinuum, das sich durch emotionale Erfahrungen in neuen Beziehungen zeitlebens in verschiedenste Richtungen entwickeln kann.“ (Brisch, 2011, S. 34).

Laut Bowlby entwickeln Babys sogenannte innere Arbeitsmodelle, die durch zahlreiche Situationen, in denen das Bindungsverhalten des Säuglings aktiviert wird, entstehen. Die erlernten Arbeitsmodelle kann das Kind im Laufe der Zeit in Trennungssituationen abrufen, um diese besser einschätzen und bewältigen zu können (Brisch, 2011). Das Modell verfestigt sich immer weiter und trägt schließlich zur psychischen Stabilität bei (Zimmermann, 2006). Die verinnerlichten Arbeitsmodelle haben einen weitreichenden Einfluss auf die gesamte Interaktion mit anderen Menschen im Verlauf des Lebens. Die erlernten Erwartungen bezüglich des Verhaltens der Bezugsperson werden auf andere Sozialpartner übertragen (Scheidt, 2012).

Durch die Erfahrungen, die ein Kind im ersten Lebensjahr mit seinen Bezugspersonen sammelt, entwickelt es eine eigene Qualität der Bindung. Um die jeweilige Bindung eines Kindes zu messen, entwickelte Mary Ainsworth ein Experiment mit dem Namen Fremde-Situations-Test, das die Mutter-Kind-Bindung gemäß des Bindungsmodells nach Bowlby testen soll (Scheidt, 2012; Seiffge-Krenke, 2009). Teilnehmer des Testes sind Mütter von Kindern im Alter von ca. einem Jahr, die Kinder selbst sowie eine den Kindern unbekannte Person in einer ungewohnten Umgebung. In dem Test wird eine festgelegte Reihenfolge von acht Handlungseinheiten beobachtet, bei der eine zweimalige Trennung und wieder Zusammenführung von Mutter und Kind inszeniert wird (Seiffge-Krenke, 2009).

Folgende acht Schritte werden durchgeführt:

Schritt 1 und 2:
Das Kind findet sich zusammen mit der Mutter in dem unbekannten Raum ein, welcher mit Spielzeug ausgestattet ist. Das Kind hat die Möglichkeit, mit dem Spielen zu beginnen.

Schritt 3:
Zunächst kommt eine unbekannte Person dazu und unterhält sich nach einiger Zeit mit der Mutter. Erst später widmet sich diese Person dem Kind.

Schritt 4:
Die erste Trennung von der Mutter findet statt, indem die Mutter nach einer kurzen Verabschiedung aus dem Zimmer geht. Das Kind ist mit der unbekannten Person alleine, diese wendet sich dem Kind zu.

Schritt 5:
Die Mutter kommt in das Zimmer zurück, während die unbekannte Person geht. Die Mutter widmet sich ihrem Kind, bis es sich wieder dem Spielen zuwendet.

Schritt 6:
Die Mutter verlässt nach kurzer Zeit erneut das Zimmer, sodass niemand mehr im Raum ist außer dem Kind. Das Kind zeigt eine verstärkte Bindungsaktivierung, da die „(…) vorausgegangene erste Trennung (…) bereits das Bindungssystem des Kindes aktiviert (…)“ (Brisch, 2011, S. 51) hat (Brisch, 2011; Seiffge-Krenke, 2009).

Schritt 7:
Nach kurzer Zeit erscheint die fremde Person und widmet sich dem Kind.

Schritt 8:
Nach einiger Zeit betritt die Mutter wieder das Zimmer und wendet sich dem Kind zu, bis es sich dem Spielen wieder widmen kann (Brisch, 2011).

Der Test hat eine Dauer von ca. 21 Minuten. Die erste Frequenz ist dabei mit einer Minute die kürzeste. Die weiteren Episoden sind jeweils drei Minuten lang (Kißgen, 2009).

Mary Ainsworth: Fremde-Situations-Test (engl.)

Durch die Episoden soll laut Brisch „(…) das Bindungssystem des Kindes aktiviert werden (…)“ (Brisch, 2011, S. 49). Aus diesem Experiment lassen sich drei bzw. vier Bindungsmuster ableiten: Das sicher gebundene Kind, das unsicher-vermeidend gebundene Kind, das unsicher-ambivalent gebundene Kind sowie das zusätzliche Bindungsmuster des unsicher-desorganisiert gebundenen Kindes (ebda.).

Bei den sicher gebundenen Kindern wird das Bindungssystem während des Testes deutlich aktiviert, sobald sich die Mutter entfernt hat. Dieses macht sich beispielsweise durch Trauern und der aktiven Suche der Mutter bemerkbar. Umso beruhigter sind die Kinder, wenn sich die Mutter wieder in ihrer Nähe befindet (Fremmer-Bombik, 2011). Bei kleinen Kindern, die eine sichere Bindung aufweisen, ist zu erkennen, dass sie die Bezugsperson als eine verlässliche Basis ansehen, von der sie sich einerseits entfernen können, aber zu der sie andererseits auch jederzeit in bedrohlichen Situationen zurückkehren können und Schutz und Geborgenheit erfahren (Gloger-Tippelt, König, 2009). Kinder, die schon etwas älter sind und eine solche Bindungsqualität aufweisen, wissen um die Verlässlichkeit ihrer Bezugsperson und können dieses auch in projektiven Situationen, beispielsweise bei Geschichten oder im Spiel, äußern (ebda.). Bei sicher gebundenen Jugendlichen und Erwachsenen ist zu erkennen, dass sie offen sowohl über positive als auch über negative emotionale Ereignisse aus ihrer Vergangenheit sprechen können (ebda.).

Bei den unsicher-vermeidend gebundenen Kindern hingegen lässt sich schon eine reduziertere Aktivierung des Bindungssystems beobachten. Sie reagieren auf die Trennung gleichgültig und sind gegenüber der Mutter bei ihrer Wiederkehr eher abweisend (Fremmer-Bombik, 2011). Kleinkinder dieses Bindungsmusters haben die Erfahrung gemacht, dass sie in bedrohlichen Situationen auf sich allein gestellt sind und keine besondere Fürsorge der Bezugsperson erfahren. Um dem unangenehmen Gefühl der Ablehnung zu entgehen, versuchen diese Kinder das Bindungsverhalten zu unterdrücken (Gloger-Tipppelt, König, 2009). Ältere Kinder vermeiden in Geschichten oder Spielen negative Gefühle und konzentrieren sich auf die Abläufe des Tagesgeschehens. Bei Jugendlichen und Erwachsenen mit einer unsicher-vermeidenden Bindung ist eine Vermeidung der negativen Emotionen noch immer deutlich zu erkennen. Auf negative Ereignisse wird nicht weiter eingegangen und es „(…) wird eine Maske der Gleichgültigkeit demonstriert.“ (Gloger-Tippelt, König, 2009, S.14).

Bei dem unsicher-ambivalenten Bindungsmuster wird das Bindungssystem zwar noch stärker als bei den sicher gebundenen Kindern aktiviert, das Kind beruhigt sich allerdings nur sehr langsam, nachdem die Mutter zurückgekehrt ist, und verhält sich in seiner Distanz und Nähe gegenüber der Mutter sehr ambivalent (Fremmer-Bombik, 2011). Kinder mit dieser Bindungsqualität haben kein stabiles, feinfühliges Pflegeverhalten der Bezugsperson erfahren und sie können die Reaktionen der Bindungspersonen in Trennungssituationen nicht einschätzen (Gloger-Tippelt, König, 2009). In der mittleren Kindheit verdeutlichen Kinder in Geschichten oder im Spiel die Hilflosigkeit und Unsicherheit der Personen, mit denen sie sich identifizieren. Sie sehen sich den schwierigen Situationen ausgeliefert, ohne irgendwo Schutz und Sicherheit suchen zu können (Gloger-Tippelt, König, 2009). Unsicher-ambivalent gebundene Jugendliche und Erwachsene teilen sich in ihren Aussagen in Bindungsinterviews in drei Gruppen: die erste Gruppe, die die Beziehung zu den Bezugspersonen ausschließlich schön beschreibt. Eine zweite Gruppe, die nicht weiter auf die schwierigen Ereignisse der Kindheit eingehen will und „(…) eher auf die heutige Beziehung zu den Eltern (…)“ (Gloger-Tippelt, König, 2009, S. 16) verweist. Und eine dritte Gruppe, die sich ängstlich zeigt und früher erlebte, leicht traumatische Ereignisse aufweist (ebda.).

Die Kinder, die keinem dieser Muster zugeordnet werden konnten, wurden ca. 15 Jahre nach Entwicklung des Fremde-Situations-Tests, also Mitte der 80er-Jahre, dem unsicher-desorganisierten Bindungsmuster zugeordnet (Scheidt, 2012). Definiert wurde dieses zusätzliche Bindungsmuster von Main und Salomon (Gloger-Tippelt, König, 2009). Die Kinder dieses Musters sind noch stärker ambivalent ihrer Mutter gegenüber als die unsicher-ambivalent gebundenen Kinder. Brisch schreibt hierzu: „(…) daß das Bindungssystem der Kinder zwar aktiviert ist, ihr Bindungsverhalten sich aber nicht in ausreichend konstanten und eindeutigen Verhaltensstrategien äußert.“ (Brisch, 2011, S. 52). Einige dieser Verhaltensweisen waren:

„(…) lautes Schreien gegenüber der Fremden, während diese den Raum verlässt, ungerichtetes Schlagen des Gesichts (oft der Augen) der Eltern, Bewegungsstereotypien, asymmetrische und zeitlich nicht abgestimmte Bewegungen und Haltungsanomalien, Einfrieren, Erstarren des Ausdrucks oder insgesamt verlangsamte Bewegungen und Ausdrucksbewegungen.“ (Scheidt, 2012, S. 98).

Als Auslöser für diese Bindungsqualität können mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Zum einen kann es auf ein erlebtes und nicht ausreichend bearbeitetes Trauma oder eine psychische Erkrankung aufseiten der Bindungsperson hindeuten. Dieses würde die desorganisierten Verhaltensweisen insofern erklären, als dass das Bindungsverhalten des Kindes ausgelöst wird, jedoch von der Bezugsperson nicht deaktiviert werden kann, da sie keinen Schutz und keine Sicherheit bieten kann (Gloger-Tippelt, König, 2009).

Eine andere Möglichkeit als Auslöser für das desorganisierte Verhalten des Kindes könnte ein extrem ambivalentes Agieren der Bezugsperson gegenüber dem Kind sein, sodass es kein stabiles Verhaltensmuster für schwierige Situationen – wie beispielsweise eine Trennungssituation – entwickeln kann und auch hier die Bindungsperson nicht als sichere Basis erleben kann (ebda.).

Eine weitere Erklärung können Misshandlungen und Missbräuche der Bezugsperson gegenüber dem Kind sein. In diesem Fall ist es so, dass „(…) Bindungswünsche des Kindes (…) dadurch nicht nur zurückgewiesen, sondern sein Erregungszustand sogar noch gesteigert (…)“ (Gloger-Tippelt, König, 2009, S. 17) wird. Laut Brisch weisen bis zu 80% der Kinder, die unter schwierigen Lebensumständen aufwachsen, wie beispielsweise Vernachlässigung oder Missbrauch oder ein psychisch erkranktes Elternteil, desorganisierte Handlungsweisen auf. Kinder aus nicht problematischen Lebensverhältnissen hingegen nur zu 15% (Brisch, 2011).

Da das Bindungsverhalten, wie zu Beginn dieses Kapitels beschrieben, flexibel ist, kann sich eine unsichere Bindungsqualität durch entsprechend positive Erlebnisse einer sicheren annähern und umgekehrt (Brisch, 2011). Beispielsweise kann durch die Fremdunterbringung in einer Pflegefamilie eine Veränderung der Bindungsqualität bei dem Kind erreicht werden (Gloger-Tippelt, König, 2009). Auf die Zusammenhänge von Bindungsqualität und Fremdunterbringung wird in dieser Diplomarbeit noch weiter eingegangen.

Eine Kritik an dem Experiment von Mary Ainsworth und den daraus resultierenden Rückschlüssen auf die Bindungsmuster ist unter anderem, dass ausschließlich die Reaktionen der Kinder beobachtet werden und nicht die der Mütter sowie dass es sich bei der Mutter-Kind-Interaktion um eine Momentaufnahme handelt (Brisch, 2011). Ein weiterer Kritikpunkt ist, „(…) dass die Bindungsqualität sinnvoll nur in Situationen erhoben werden kann, in denen es zu einer Aktivierung des Bindungssystems kommt (…).“ (Spangler, Grossmann, 2011, S. 61). Ob dieses bei allen Kindern der Fall war, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden (ebda.).

Die Bindungsqualität ist von elementarer Bedeutung für Kinder, damit sie adäquat ihre Umwelt erkunden können. So schreibt Bowlby: „Je älter sie werden, umso öfter und weiter entfernen sich Kinder und Jugendliche von der elterlichen Basis, allerdings nur, wenn sie um deren Verlässlichkeit wissen.“ (Bowlby, 2010 a, S. 9). Kinder brauchen also die Sicherheit, jederzeit mit ihren Eltern in Kontakt treten zu können, um in ihrer Reaktion ablesen zu können, dass keine Bedrohung vorhanden ist. Das Gefühl von Sicherheit kann auch durch Blickkontakt mit der vertrauten Person erfolgen – es handelt sich dann um das Phänomen der sozialen Rückversicherung (Bischof-Köhler, 2010; Grossmann, Grossmann, 2004). Auch Schleiffer schreibt zu einer vorhandenen unsicheren Bindungsqualität:

„Es ist davon auszugehen, dass die Balance zwischen Bindungs- und Explorationsverhaltenssystem bei diesen Kindern dauernd gefährdet ist und dass diese daher gezwungen sind, sich ständig über die jeweilige Verfassung ihrer Beziehung zur Mutter zu vergewissern. Folglich haben sie nicht genügend Aufmerksamkeit übrig, um explorieren und sich dem Lernen zuwenden zu können“ (Schleiffer, 2009, S. 49).

Die Interaktion mit der Umwelt, die durch eine sichere Bindung erleichtert wird, ist wiederum fundamental für die Entwicklung und den Lebensweg des Kindes (Gloger-Tippelt, König, 2009).

1.5 Auswirkungen der unterschiedlichen Bindungsqualitäten auf die Entwicklung des Kindes

BindungsstörungDie verschiedenen Bindungsqualitäten können sich unterschiedlich auf die Persönlichkeit des Kindes auswirken. Um erneut die Bedeutung einer sicheren Bindung zu verdeutlichen, sollen im Folgenden einige mögliche Auswirkungen beschrieben werden.

Kinder mit einem sicheren Bindungsmuster weisen häufig gute soziale und emotionale Kompetenzen auf, sie haben Strategien entwickelt, um mit Stresssituationen fertig zu werden, und haben zudem die Fähigkeit, Bindungen zu Freunden und Lebensgefährten einzugehen (Schleiffer, 2009; Strauß, Buchheim, Kächele, 2002). Auch Dallaire und Weinraub bestätigen, dass Kinder, die mit 15 Monaten eine sichere Bindung aufwiesen, später trotz belastender Erlebnisse weniger Ängste zeigten. Dieses machte sich auch umgekehrt bei unsicher gebundenen Kindern bemerkbar (Friedman, Boyle, 2009; Grossmann, Grossmann, 2004). Scheidt macht sogar deutlich, dass Kinder mit einem unsicher-ambivalenten Bindungsmuster nach Warren et al. (1997) im Jugendalter häufiger eine Angststörung aufweisen als Kinder mit einer sicheren Bindung (Scheidt, 2012).

Auch zeigen Kinder mit einer unsicheren Bindung ein pessimistischeres Auftreten sowie ein geringeres Bewusstsein ihres Selbst (Bowlby, 2009). Ein hohes Selbstbewusstsein ist nach Bowlby darauf zurückzuführen, dass Kinder von sehr feinfühligen Pflegepersonen den Wert ihres Selbst zu spüren bekommen (ebda.). Andersherum ist es genauso: „Erfährt ein Kind überwiegend Ablehnung und Zurückweisung, so könnte es sich nicht nur von den Eltern, sondern auch von anderen als nicht erwünscht wahrnehmen“ (Gloger-Tippelt, König, 2009 S. 8).

Die NICHD-Studie bestätigt einen Zusammenhang zwischen einem mit 15 Monaten diagnostizierten unsicher-vermeidenden Bindungsstil und einer geminderten Fähigkeit in der Interaktion mit Gleichaltrigen im Alter von 4,5 Jahren (Schleiffer, 2009).
Ebenso sind Korrelationen zwischen einem unsicheren Bindungsmuster und einer später auftretenden psychischen Störung zu erkennen. Besonders hoch ist dieses Risiko bei der desorganisierten Bindung (Schleiffer, 2009). Betrachtet man die desorganisierte Bindung, so haben Studien gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen diesem Bindungsmuster und einer Schwäche beim Lernen gibt, was unter anderem durch Konzentrationsstörungen zu erklären ist, die durch die Desorganisation gefördert werden (ebda.). Eine Längsschnittstudie aus Island hat ergeben:

„Die desorganisiert-unsicher gebundenen Kinder erreichten mit 7 Jahren in einem nonverbalen Intelligenztest die niedrigsten Werte, hatten weniger Selbstvertrauen im Vergleich zu den sicheren und den unsicher-vermeidenden Kindern und erreichten schlechtere Schulnoten als die sicher gebundenen Kinder“ (Schleiffer, 2009, S. 50).

Diese Studie „(…) ging dem Zusammenhang zwischen der Bindungsrepräsentation im Alter von 7 Jahren und der weiteren kognitiven Entwicklung bis in die Adoleszenz nach.“ (Schleiffer, 2009, S. 50).

Friedman und Boyle weisen darauf hin, dass ein Zusammenhang zwischen der Bindungsqualität und den positiven oder negativen Entwicklungen auch daher rühren kann, dass die Lebensumstände, in denen die Kinder leben, den jeweiligen Bindungsmustern angepasst sind. Dass also Kinder mit einem unsicheren Bindungsmuster eher schwierigen Lebensbedingungen ausgesetzt sind und andersherum (Friedman, Boyle, 2009). Schleiffer schreibt, dass nicht allein die unsichere Bindungsqualität für eine später erkrankte Psyche verantwortlich ist, sondern dass andere Faktoren, wie beispielsweise ein bereits psychisch erkranktes Elternteil oder schwierige Lebensbedingungen, denen das Kind ausgesetzt ist, dazu beitragen (Schleiffer, 2009). Dieses wird dadurch bestätigt, dass Kinder aus Risikogruppen, die eine unsichere Bindung aufweisen, häufiger eine spätere Störung der Psyche aufweisen als unsicher gebundene Kinder aus einer Gruppe mit weniger vorhandenen Risiken (ebda.).

Kommt die Bezugsperson dem Pflegeverhalten über einen langen Zeitraum nicht nach und wird das Bindungsverhalten in angsteinflößenden Situationen immer wieder nicht deaktiviert, kann es zu einer Bindungsstörung bei dem Kind kommen (Brisch, 2011). Welche Arten von Bindungsstörungen es gibt und wie sich diese auswirken können, soll im Folgenden Abschnitt erläutert werden.

1.6 Bindungsstörungen und ihre Auswirkungen auf die Psyche des Kindes

Der Grat zwischen einer unsicheren Bindungsqualität und einer Bindungsstörung ist manchmal sehr schmal. Dieses soll im Folgenden beschrieben werden.

Nicht selten geht einer Bindungsstörung eine desorganisierte Bindungsqualität voraus. Durch die desorganisierten Verhaltensweisen kann es zu Interaktionsschwierigkeiten mit anderen Menschen kommen, was wiederum eine Bindungsstörung begünstigt (Brisch, 2011; Seiffge-Krenke, 2009). Das unsichere Bindungsmuster ist von der Bindungsstörung insofern abzugrenzen, als dass die unsichere Bindungsqualität im Normbereich liegt; dieses ist bei Bindungsstörungen nicht mehr der Fall (Brisch, 2011). Bindungsstörungen sind im ICD-10 Katalog unter F94 „Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ (Nissen, 2002, S. 115) zu finden. Sie werden in zwei Kategorien unterteilt: F94.1 „Reaktive Bindungsstörung des Kindesalters“ (Nissen, 2002, S. 59) und F94.2 „Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung“ (Nissen, 2002, S. 59). Beide Formen treten innerhalb der ersten fünf Lebensjahre auf. Kinder mit einer reaktiven Bindungsstörung sind sehr ängstlich und extrem gehemmt im Sozialverhalten, es können aggressive Verhaltensweisen auftreten sowie ein gebremstes Wachstum. Bei dem enthemmten Bindungsverhalten sind die Kinder undifferenziert zu jedem freundlich und suchen die Aufmerksamkeit anderer (Nissen, 2002, S. 59).

Nach dem „Multiaxialen Klassifikationssystem für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters“ (Brisch, 2011, S. 100) können unter anderem folgende Faktoren zu einer Bindungsstörung beitragen: „(…) abnorme intrafamiliäre Beziehungen mit Mangel an Wärme in der Eltern-Kind-Beziehung, Disharmonie in der Familie zwischen Erwachsenen, etwa mit feindseliger Ablehnung gegenüber dem Kind, mit körperlicher Mißhandlung und mit sexuellem Mißbrauch.“ (Brisch, 2011, S. 100).

Erleben die Kinder über einen längeren Zeitraum keinen emotionalen Halt und können keine Bindung aufbauen, kann es zu einer Bindungsstörung kommen (Brisch, 2011).

Gloger-Tippelt und König kritisieren, dass der Begriff der Bindungsstörung häufig in Zusammenhang mit der Bindungstheorie gebracht wird. Sie merken an, dass die Bindungsstörung „(…) keine Störung der Bindung innerhalb einer dyadischen Beziehung beschreibt, sondern eine fehlende Bindung, die durch gehemmtes oder ungehemmtes Beziehungsverhalten kompensiert werden soll.“ (Gloger-Tippelt, König, 2009, S. 21). Außerdem kritisieren sie weiter, dass eine Bindungsstörung ein „(…) klinisches Störungsbild beschreibt, das sich nicht nur auf bindungsrelevante Situationen bezieht, sondern eher allgemein Beziehungsverhalten und sozialemotionale Kompetenzen betrifft.“ (Gloger-Tippelt, König, 2009, S. 21). Sie beschreiben jedoch auch, genauso wie Brisch, dass Ähnlichkeiten zwischen den unsicheren Bindungsmustern und mancher Verhaltensweisen einer Bindungsstörung zu finden sind und dass die desorganisierte Bindung einen Grenzfall zwischen einem sehr unsicheren Bindungsmuster und einer Bindungsstörung darstellt. Die desorganisierte Bindung wird noch zu den unsicheren Bindungsmustern gezählt, jedoch ist es schwer, eine klare Grenze zu ziehen (Gloger-Tippelt, König, 2009; Brisch, 2011; Seiffge-Krenke, 2009).

Um eine Bindungsstörung feststellen zu können, müssen typische Verhaltensweisen über mehrere Monate bestehen bleiben und eine Begutachtung über mindestens sechs Monate erfolgen (Brisch, 2011).

Bei den Bindungsstörungen können nach Brisch folgende Verhaltensweisen unterschieden werden:

  1. Gar keine Anzeichen von Bindung: Diese Kinder weisen kein Bindungsverhalten in bedrohlichen Situationen auf. Sie zeigen in bindungsaktivierenden Situationen entweder gar kein Verhalten oder reagieren bei jeder Person ohne jegliche Differenzierung mit Protest. Diese Bindungsstörung ist vom Verhalten des Kindes her ähnlich des unsicher-vermeidenden Bindungsmusters, unterscheidet sich jedoch durch seine extreme Ausprägung und vor allem dadurch, dass unsicher-vermeidend gebundene Kinder im Gegensatz zu bindungsgestörten Kindern eine Bindung zu einer Bezugsperson aufweisen (Brisch, 2011). Ebenfalls zieht Brisch einen Vergleich zum Autismus, wobei sich auch hier wesentliche Unterscheidungsmerkmale finden lassen, wie beispielsweise das Nicht-Zulassen-Können von körperlicher Nähe im Falle einer autistischen Erkrankung (Brisch, 2011).
  2. Undifferenziertes Bindungsverhalten: Kinder mit einer solchen Bindungsstörung binden sich wahllos an Personen, ohne einen Unterschied zwischen fremden und vertrauten Personen zu machen. In Situationen, in denen das Bindungsverhalten aktiviert wird, ist jede Person ein Ansprechpartner für die Kinder. Es kommt jedoch nur selten zu einer Deaktivierung des Bindungsverhaltens durch eine Person (Brisch, 2011).Eine Unterklassifikation dieser Störung ist der sogenannte „Unfall-Risiko-Typ“ (Brisch, 2011, S. 104). Bei dieser Variante suchen die Kinder so extrem das Risiko, dass sie sich häufig dabei verletzen. Sie gehen nicht in Kontakt mit ihrer Bezugsperson, um die Gefahr der Situationen einschätzen zu können, und lernen auch nicht aus bereits erlebten Situationen, in denen sie sich verletzt haben (Brisch, 2011).
  3. Übersteigertes Bindungsverhalten: Kinder, die eine solche Bindungsstörung aufweisen, sind extrem auf ihre Bezugsperson fixiert und können sich selbst zum Explorieren nicht von dieser entfernen. Eine Trennung von der Bindungsperson ist fast unmöglich und löst bei den Kindern enorme Emotionen aus (ebda.). Häufig ist eine solche Störung bei Kindern zu finden, deren Bezugsperson selbst eine „(…) Angststörung mit extremen Verlustängsten (…)“ (Brisch, 2011, S. 105) aufweist. Die Verlustängste auf beiden Seiten sind so stark ausgeprägt, dass das Kind häufig von Institutionen wie Kindergarten und Schule fernbleibt und auch ansonsten kaum soziale Kontakte hat (Brisch, 2011). Hier ist laut Brisch eine Ähnlichkeit zu der unsicher-ambivalenten Bindungsqualität zu erkennen, jedoch sind diese Verhaltensweisen bei einer vorliegenden Bindungsstörung sehr extrem ausgeprägt (Brisch, 2011).
  4. Gehemmtes Bindungsverhalten: Eine solche Bindungsstörung macht sich dadurch bemerkbar, dass die Kinder, bei denen sie vorliegt, kaum eine Reaktion bei einer Trennungssituation vorweisen. Sie zeigen sich in der Interaktion mit ihrer Bezugsperson sehr verhalten, sind extrem angepasst in ihrem Verhalten und vertrauen ihre wahren Emotionen eher Menschen an, zu denen sie eine größere Distanz haben, als ihrer Bindungsperson (Brisch, 2011). Auslöser einer solchen Bindungsstörung können Gewalterfahrungen innerhalb der Familie sein und die daraus resultierende Angst, die Emotionen und Bindungsbedürfnisse gegenüber der Bezugsperson offen zu äußern (ebda.).
  5. Aggressives Bindungsverhalten: Bei Kindern, die eine solche Bindungsstörung aufweisen, zeigt sich das Bindungsbedürfnis in Form von verbaler oder non-verbaler Aggression gegenüber der Bezugsperson. Diese Verhaltensweise ist so lange vorherrschend, bis eine Bindung zwischen Bezugsperson und Kind aufgebaut werden kann. Dieses wird jedoch wiederum durch die aggressiven Verhaltensweisen erschwert, da die eigentlichen Bedürfnisse nach Nähe und Geborgenheit häufig nicht erkannt werden (Brisch, 2011).
  6. Bindungsverhalten mit Rollenumkehr: Bei dieser Form der Bindungsstörung findet eine Verschiebung der Rollen von Bindungsperson und Kind statt. Das Kind sorgt sich feinfühlig und fürsorglich um die Bezugsperson. Die Belange und das Explorationsverhalten des Kindes sind dadurch enorm eingeschränkt. Oft tritt diese Bindungsstörung bei Kindern mit psychisch erkrankten Eltern, häufig mit Selbstmordgedanken, auf. Hinter der Rollenumkehr steckt eine große Verlustangst aufseiten des Kindes (ebda.).
  7. Bindungsstörung mit Suchtverhalten: Kinder mit einer solchen Bindungsstörung haben die Erfahrung machen müssen, dass ihr Bindungsbedürfnis nicht mit körperlicher Nähe und feinfühligem Pflegeverhalten deaktiviert wurde. Stattdessen wurden beispielsweise Nahrungsangebote gemacht. So hat das Kind gelernt, Bindungsbedürfnisse mit Nahrung zu stillen. Die Sucht nach Befriedigung der Bindungsbedürfnisse weitet sich im Laufe der Zeit auf verschiedene andere Objekte und Dinge aus, sodass ein erwachsener Mensch mit einer solchen Bindungsstörung Süchte verschiedenster Art entwickelt haben kann: „Der Bindungssuchende hat eine pathologische Bindung an seinen Suchtstoff als Surrogat für eine echte Bindungsperson entwickelt.“ (ebda.).Abschließend kann gesagt werden, dass die Bindung des Kindes eine äußerst wichtige Grundlage für die Entwicklung eines Menschen darstellt. Somit ist es von großer Bedeutung alles daran zu setzen eine sichere Bindungsqualität zwischen den Eltern und dem Kind zu schaffen.
  8. Bindungsstörung mit psychosomatischer Symptomatik: Bei unzureichender emotionaler Interaktion zwischen Bindungsperson und Kind kann sich dieses auf das Wachstum des Kindes auswirken – es wächst nicht mehr oder nicht ausreichend. Eine Maßnahme kann in diesem Fall eine Fremdunterbringung des Kindes, beispielsweise in eine Pflegefamilie, sein. Bei ausreichender emotionaler Zuwendung kann beobachtet werden, dass das Kind wieder zu wachsen beginnt (Brisch, 2011).Zu erkennen ist, dass eine Herausnahme des Kindes, welches eine Bindungsstörung aufweist, notwendig ist, und eine Bindungsstörung möglicherweise durch eine Fremdunterbringung kompensiert werden kann. Auf der anderen Seite schreibt Brisch jedoch auch, dass viele dieser Bindungsstörungen durch vermehrte Bindungsabbrüche im Zuge von Fremdunterbringungen entstehen (ebda.). Ob die Fremdunterbringung in einer Pflegefamilie eine Chance für ein Kind in Bezug auf die Bindungsqualität darstellt, soll im Folgenden mit einer empirischen Untersuchung dargelegt werden.

2 Literatur

  • Bauer, Joachim (2008). Das System der Spiegelneurone: Neurobiologisches Korrelat für intuitives Verstehen und Empathie. In Brisch, Karl-Heinz- Der Säugling – Bindung, Neurobiologie und Gene – Grundlagen für Prävention, Beratung und Therapie (S.117-118). Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Bischof-Köhler, Doris (2010). Zusammenhänge zwischen Bindung, Erkundung und Autonome. In: Brisch, K.H., Hellbrügge, Theodor (Hrsg.), Der Säugling- Bindung, Neurobiologie und Gene – Grundlagen für Prävention, Beratung und Therapie (S. 227). 2. Auflage, Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Bowlby, John (2010 a). Bindung als sichere Basis – Grundlagen und Anwendung der Bindungstheorie. 2. Auflage, München: Reinhardt Verlag, München.
  • Bowlby, John (2010 b). Frühe Bindung und kindliche Entwicklung. 6. Auflage, München: reinhardt Verlag.
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